Was eine Landtagsabgeordnete und ein Unternehmen gemeinsam haben - Mein Rückblick auf einen Tag als Shadow bei Julia Post
Autorin: Dr. Marie-Theres Boetzkes
Letzte Woche, Dienstag, 19. Mai. Ich sitze in einer Teamsitzung im Büro der Grünen-Landtagsabgeordneten Julia Post und denke: Das kenne ich irgendwo her.
Dieser Rhythmus. Die Mischung aus Vorbereitung und Improvisation. Die Frage, wer was kommuniziert, wann, in welchem Ton. Das Durchspielen von Szenarien: Was, wenn es klappt? Was, wenn nicht?
Das ist kein Anwaltsbüro. Das ist kein Startup. Aber es fühlt sich nach beidem an.
Wie ich überhaupt dort gelandet bin
Ich hatte vor einigen Wochen einen Aufruf gestartet: Wer lässt mich für einen Tag in seinen Berufsalltag reinschauen? Julia Post hat sich direkt gemeldet. Kein Zögern, kein "mal schauen" — sondern: komm einfach.
Ich hab ja geahnt, dass es interessant wird. Aber ich hab nicht geahnt, dass ich an einem Tag landen würde, der politisch so aufgeladen ist.
Der Antrag
Julia Post hatte wenige Tage zuvor im Bauausschuss des Bayerischen Landtags einen Antrag eingebracht. Das Thema klingt erstmal unspektakulär: Toiletten in Veranstaltungsgebäuden.
Aber kurz nachdenken: Wer kennt das nicht, die lange Schlange vor der Damentoilette, während die Herrenseite leer ist? Julia Post hat sich gefragt, ob das Zufall ist — und festgestellt: Nein, das ist Verordnung. Die bayerische Vorschrift sah schlicht weniger Damentoiletten vor. Sie wollte Parität. Gleich viele Toiletten, unabhängig vom Geschlecht.
Ein sehr alltägliches Problem. Eine sehr konkrete Lösung. Genau das, was ich an diesem Tag immer wieder sehen würde.
Was ich an diesem Tag wirklich erlebt habe
Wir haben Strategie besprochen. Wir haben Pressetermine vorbereitet. Wir haben durchgespielt, was passiert, wenn der Antrag angenommen wird — und was, wenn nicht. Wir haben überlegt, was auf Social Media kommuniziert wird und wann.
Julia Post selbst hat eine Ruhe, die mich beeindruckt hat. Sie ist hochschwanger mit ihrem zweiten Kind, sie ist Oppositionspolitikerin, sie hat an diesem Tag mehrere Fronten gleichzeitig bespielt. Und sie ist dabei nie hektisch geworden.
Was sie mitbringt, ist schwer zu beschreiben, aber ich versuch's: Sie ist sprachlich präzise ohne kalt zu wirken. Sie ist diplomatisch ohne unverbindlich zu sein. Sie führt ihr Team, ohne zu dirigieren. Und sie ist flexibel — wirklich flexibel — weil politische Tage selten so laufen wie geplant.
Mittags: Kantine, Tisch neben Katharina Schulze. Ich hab versucht, nicht zu offensichtlich zu gucken.
Am Nachmittag: Der Ausschuss tagt. Der Antrag wird abgestimmt.
Einstimmig angenommen.
Julia Post hatte das, ehrlich gesagt, nicht erwartet. Als Oppositionspolitikerin lernt man, mit Ablehnung zu kalkulieren. Ich hatte so eine leise Ahnung, dass es klappen könnte — aber das ist natürlich leicht gesagt im Nachhinein.
Das Konzept, das mich nicht loslässt
Julia Post nennt ihren Ansatz Public Entrepreneurship. Die Idee dahinter: Politik kann Probleme lösen — wenn sie es wirklich will. Nicht beschreiben, nicht debattieren bis zur Erschöpfung, sondern: identifizieren, handeln, gestalten.
Das klingt selbstverständlich. Ist es nicht.
Und ich finde dieses Konzept deshalb so interessant, weil es eine Haltung beschreibt, die ich auch in meiner Arbeit immer wieder einfordere — nur eben für Einzelpersonen statt für politische Systeme. Nicht warten, bis die Umstände besser werden. Sondern jetzt, mit dem, was da ist.
Was das mit Jurist:innen zu tun hat
Julia Posts Top-3-Skills für Berufspolitik: Netzwerken, Priorisieren, strategisch denken.
Ich hab kurz innegehalten, als sie das gesagt hat.
Das sind nämlich exakt die Fähigkeiten, die ich bei Jurist:innen immer wieder sehe — und die im klassischen Rechtsberuf oft weder gefordert noch gefördert werden. Netzwerken gilt als Selbstvermarktung, also verdächtig. Priorisieren passiert nicht, weil alles gleich dringend ist. Strategisches Denken bleibt auf die Mandatsarbeit beschränkt.
Aber diese Fähigkeiten sind da. Die meisten Jurist:innen, die zu mir kommen, bringen sie mit — sie haben nur verlernt, sie als das zu sehen, was sie sind: echte Stärken, die weit über die Juristerei hinaus tragen.
Eine Sache, die mich auch nachdenklich gemacht hat
Wir haben an diesem Tag auch darüber gesprochen, wie es ist, Berufspolitikerin und Mutter zu sein. Julia Post ist offen damit — und das ist wichtig, weil es zeigt, was strukturell immer noch nicht stimmt.
Politik — und das gilt erst recht für das Ehrenamt — ist nicht auf Frauen zugeschnitten. Keine Elternzeit, keine gesicherte Vertretung, keine Selbstverständlichkeiten, die im Angestelltenverhältnis einfach da sind. Das ist kein individuelles Problem. Das ist ein Systemfehler.
Ich nehme das mit, weil es mich an etwas erinnert, das ich oft höre: Juristinnen, die merken, dass die Strukturen, in denen sie arbeiten, nicht für sie gebaut wurden. Das ist ein anderes Feld — aber das Muster ist dasselbe.
Was ich von diesem Tag mitnehme
Zwei Kürzel, die ich nicht vergessen werde: ARGU (Argumentationshilfe) und Abteilung K (Kommunikationsabteilung) 😊 – alles hat seine Terminologie.
Und einen riesen Respekt vor Politik!